Über Salamitaktik an zwei Enden

03 Jan 2012

Fragen, die andere stellen:

Wo bleibt die Souveränität, die man von einem Bundespräsidenten erwarten darf? Braucht unser Land diesen Bundespräsidenten? Ist das Amt zu groß für ihn?

Nur drei Fragen aus Kommentaren, die sich heute mit der Bundespräsidenten Affäre beschäftigen. Soweit ersichtlich, sind sich die Kommentatoren einig – vom Flensburger Tageblatt bis zur TZ in München wird das Verhalten des Bundespräsidenten verurteilt. Sinngemäß: die Kreditaffäre sei schon unwürdig und peinlich genug für den Träger des höchsten Amtes im Staate. Sein Anruf bei Bildchefredakteur Dieckmann am 12. Dezember, mit der er Recherche und Berichterstattung verhindern wollte, aber beispiellos. Dumm. Dreist. Unterdrückung der Pressefreiheit.

Und immer wieder im Visier: die Salamitaktik des Präsidenten – so schreibt die Stuttgarter Zeitung: Wulffs Verteidigungsstrategie erweckte von Anfang an den Verdacht, er bedauere und räume nur gerade das ein, was ohnehin nicht mehr zu leugnen ist.

Kaum jemand aber fragt nach der Salamitaktik der BILD-Zeitung, außer der TAZ: Warum gelangt eigentlich eine solche Nachricht aus einer persönlichen Mailbox an andere Zeitungen? Wörtliche Zitate des Präsidenten inklusive? Warum passiert das erst drei Wochen nach dem Anruf? Zu einem Zeitpunkt, als die Aufregung um die Kreditaffäre bereits abgeflaut ist?

Was mich dabei beschäftigt:

Interessant finde ich in dem Zusammenhang eine Bedeutungserklärung von Salamitaktik, die sich in Wikipedia findet. Neben der “guten Salamitaktik“ in Projekten, mit der man große Aufgaben bewältigbar macht und der “schlechten Salamitaktik“ in Verhandlungen, heißt es dort:

„Es kann sich aber auch um eine Taktik handeln, die problematische, weil unpopuläre Ziele über einen langen Zeitraum in kleinen, kaum wahrnehmbaren Schritten verwirklicht, die jeder für sich nur eine kleine, scheinbar unbedeutende Änderung darstellen, und somit einer Mehrheit vermittelbar sind“ … siehe auch Habituation, also Gewöhnung.

Gewöhnung woran? Zu Beginn der Wulf-Affäre war es fast einhellige Meinung: der Bundespräsident sollte nicht zurücktreten. Nicht nach dem Köhler Rücktritt, nicht auf dem Höhepunkt der EURO-Krise. Seit gestern weht der Wind aus einer anderen Richtung – in vielen Kommentaren wird der Rücktritt entweder nicht mehr ausgeschlossen oder als das kleinere Übel gefordert.

Will die BILD-Zeitung uns an den Gedanken gewöhnen, dass uns auch dieser Bundespräsident abhandenkommt? Und uns dazu bringen, dass wir über einen Nachfolger nachdenken. Vielleicht doch Gauck, den diese Zeitung ja von Anfang an wollte?

Vielleicht ist es aber so, wie die TAZ vermutet, dass die Salamitaktik der BILD einfach dazu dient, die Affäre am Kochen zu halten und die Auflage hoch.

Oder in der Redaktion ist einfach der Jagdinstinkt ausgebrochen. Auch wenn darüber nichts in den Kommentaren steht – der Gedanke, einen aus der Riege der Mächtigen, Einflussreichen, Reichen zur Strecke zu bringen ist für viele, auch Journalisten, verführerisch. Um dann die Kerbe für das erlegte Stück auf dem eigenen Gewehrschaft anzubringen –  das wird dann wieder für den nötigen Respekt sorgen. Respekt vor der Pressefreiheit, natürlich.

Und sonst noch?

Kann man es natürlich auch noch ganz anders sehen.  Dass in der Symbiose von Politik und bunten Medien einmal der eine der Parasit ist und der andere der Wirt und dass sich dieses Verhältnis von Zeit zu Zeit umkehrt. Dabei bleibt dann schon mal der eine oder andere politische Wirt ausgesaugt auf der Strecke.

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