Fußball

20 Apr 2011

Fragen, die andere stellen: wieso tritt Frank Schäfer zurück?

„Religion? Geld? Finke?“ So hat die Süddeutsche Zeitung vor fünf Tagen gefragt und damit auf den Punkt gebracht, was Köln beschäftigte. Nämlich warum FC – Trainer Frank Schäfer zögerte, seinen Vertrag zu verlängern. Eine „rätselhafte Debatte“ sei das, schrieb der Stadtanzeiger.

Ende Oktober letzten Jahres übernahm Frank Schäfer, seit 20 Jahren in Köln unauffälliger, aber erfolgreicher Nachwuchstrainer die Bundesliga Mannschaft. Seither rettete er sie vor dem Abstieg, das Team mit dem „neuen“ Kapitän Lukas Podolski erspielte sich in 19 Spielen 30 Punkte und kletterte auf der Tabelle in Richtung Sicherheit.

Und dann das: Der neue Sportdirektor Finke, erst seit Anfang März im Amt, verbreitet sich vor der Presse über die Gründe, warum Frank Schäfer denn um Himmels willen seinen Vertrag nicht schon jetzt verlängert. Und bietet laut Süddeutsche den begierig lauschenden Journalisten die These: Schäfer sei kein gewöhnlicher Bundesligatrainer, auf Grund seiner religiösen Prägung seien bei ihm die üblichen Regeln des Fußballs außer Kraft gesetzt. Offensichtlich habe, so Finke weiter, Schäfer ein Problem, das Profimetier zu akzeptieren, aus seiner Glaubensüberzeugung heraus. Laut Kölner Express fasste Finke das Ganze so zusammen „Schäfers Problem ist der Glaube“.

Tatsächlich hatte Schäfer schon bei Amtsantritt gesagt, dass er erst den Aufstieg erreichen und dann entscheiden wolle, ob er bleibe. Und er hat auch bei der einen oder andren Gelegenheit gesagt, dass ihn bestimmte Teile des Fußball- Profigeschäfts anwidern. Und er hat gesagt, dass er Kraft für sein Leben  aus seiner religiösen Überzeugung gewinnt und regelmäßig einen Bibelkreis besucht.

Inzwischen hat der 1. FC Köln leider auch sein bisher letztes Heimspiel am Samstag gegen Stuttgart verloren und Schäfer hat „hingeschmissen“. Er bleibt noch bis zum Saisonende, laut Tageschau-Online unter anderem genervt von der Diskussion um seine Spiritualität. Hinzu kommen Spannungen mit dem „Übertrainer“ Finke und eine Illoyalität aus seinem Team.

Heute Abend wird es vor dem Geißbockheim  eine pro-Schäfer Demonstration der Fans geben, die ihren „Kölner Trainer“ behalten wollen und keinen neuen von außen wollen. Und die darüber hinaus dem Vorstand alle möglichen „unheiligen“ Absichten im Zusammenhang mit Schäfer unterstellen.

Was mich dabei beschäftigt:

Wolfgang Looss, der große, alte Mann der deutschen Organisationsentwicklung und Coachingszene nennt Bereiche unserer Gesellschaft schon mal gern „kollektive Wahnsysteme“, so zum Beispiel die Finanzwelt. Wahlweise aber auch verwendbar für das „Business“ schlechthin oder auch „die Medien“. Der Fall Schäfer legt nahe, dass auch der Fußball ein „kollektives Wahnsystem“ ist. Eine in sich geschlossen Welt. Eine Welt, in der die maßgeblichen Akteure in den Vereinen mit Tunnelblick auf Profit und Ruhm starren, deren Handlungen von Eitelkeit und Selbstüberschätzung getrieben sind. Nur drei Ereignisse der letzten Wochen:

Van Gaal – Beispiel für Selbstüberschätzung in seiner Auseinandersetzung mit dem Präsidium des FC Bayern.

Magath – einer, der offenbar vor allem seinen Profit im Auge hat oder hatte.

Um viel Geld ging es auch als die Chefetage von 1899 Hoffenheim den eigenen Trainer Rangnick so düpierte, dass der den Schlussstrich zog.

Wie heißen die Regeln in diesem System, was sind es für Strukturen, die einen wie Frank Schäfer nicht dulden und ihn dazu bringen, diese Welt trotz Erfolg und Rückhalt bei vielen Fans zu verlassen? Worauf will er sich nicht einlassen, wenn er sagt: „Die Gründe für diese Entscheidung liegen im persönlichen Bereich.“

Und welche Werthaltungen, die Frank Schäfer vertritt, provozieren dieses System so, dass es mit schlechter Nachrede, Lächerlich-Machen und Illoyalität reagiert?

Frank Schäfer gilt als bescheiden. Die Fans schätzten es, dass er im Trainingsanzug, unaufgeregt, unspektakulär und ohne fernsehwirksamen Emotionsausbrüche die Spiele vom Rand aus leitet – er verkörpert den Anti-Helden, nicht den Star. Das, im Zusammenhang mit dem religiösen Bekenntnis war zu viel Andersartigkeit.

Ich bin sicher, wenn Frank Schäfer medienwirksam um eine Audienz beim Papst gebeten hätte, wäre er unangefochten geblieben – ein solches Signal hätte die Fußballwelt vermutlich als besonders raffinierten Coup der Aufmerksamkeitserregung gewertet. Das andere, den nach innen gewendeten, suchenden Glauben kann sie nicht aushalten.

Ich bin neugierig, wie viele Verluste a la Frank Schäfer die Fußballwelt noch braucht, bevor sie beginnt ihre Spielregeln zu ändern.

Und sonst noch?

Als Immi in Köln wünsche ich mir, dass der 1. FC Köln seinem scheidenden Trainer tatsächlich den Klassenerhalt zum Abschied schenkt – Lukas Podolski hat das so formuliert.

Ich wünsche mir das aus ganz egoistischen Gründen – einen Bundesligaverein, der absteigt ist das letzte, was diese Stadt sich leisten kann.

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