Alarm!

08 Dez 2011

Fragen, die andere stellen:

Wird der Euro gerettet? Und wie sieht es mit der Pflege aus? Und wie mit dem Diesel?

Lauter alarmierende Fragen, die viele umtreiben.

Zum Beispiel Mitte November. Euro-Gruppen-Chef Juncker schlägt Alarm im Bonner Generalanzeiger:  “Deutschland hat höhere Schulden als Spanien”.

Oder Barroso zum selben Zeitpunkt in der Tagesschau online: EU-Kommissionspräsident Barroso läutet die Alarmglocken: „Wir steuern auf eine systemische Krise zu.“

Merkel und Sarkozy schlagen zurzeit keinen Alarm. Sie bleiben jetzt cool und pokern hoch in Brüssel.

Anders die Pflegeverbände. Die schlagen im NDR Alarm und „warnen vor einem Versorgungsnotstand“

Inzwischen schlagen auch schon Studien Alarm, heute in der RP – online: „Studie schlägt Alarm – Diesel auf Dauer teurer als Benzin“

Was mich dabei beschäftigt:

Ist die Frage nach Sinn und Nutzen dieser Alarmschlägerei.

Dazu drei Beispiele. Bei einer Veranstaltung in einer kirchlichen Institution – rund 400 Gäste, zum Teil sehr prominent – bricht während eines Musikstücks Alarm aus. Schriller, mißtönender Alarm. Das Kammermusikquintett spielt tapfer dagegen an, ein Teil der Gäste ist bei den ersten Tönen auch noch der Meinung, sie gehörten zum Stück, aber bald gibt es kein Vertun mehr. Feueralarm. Und was passiert? Nichts. Keiner der Gäste erhebt sich, auch der Bischof nicht, auf den sich alle Augen richten. Vielleicht hat er Informationen, die ihn ruhig sitzen lassen, aber die anderen Gäste haben diese nicht und bewegen sich trotzdem nicht. Die Feuerwehr braust heran, man hört die Martinshörner, immer noch herrscht allergrößte Ruhe in den Sälen. Alle bleiben sitzen. Kurz danach gibt es Entwarnung, Rauch und Funkenflug einer unsachgemäß eingesetzten Flex in einem anderen Gebäudeteil hatte den Alarm ausgelöst. Einzige Konsequenz: Die Feuerwehr bestand unerbittlich darauf, dass die zahlreichen und sehr dicken Autos, die in der Feuerwehreinfahrt parkten, unverzüglich entfernt würden. Es könnte ja ein Feuer ausbrechen…

Zweites Beispiel, ein Hotel in Frankfurt, abends gegen 19h30. Das Restaurant ist voll besetzt, in der Lobby drängen sich Menschen an der Rezeption, als der Alarm ausbricht. Die Rezeptionistin schaut hilfesuchend zu einem der Kellner, der sofort zu einer Schalttafel eilt und versucht, den Alarm zu stoppen. Die Gäste in dem Restaurant können das nicht sehen – trotzdem bleiben sie ruhig sitzen. Auch auf den Hotelfluren tut sich nichts. Keine Gäste, die aufgeregt aus den Zimmern stürzen, obwohl der Alarm, der sich nicht stoppen lässt, im ganzen Haus zu hören ist und zunehmend schriller wird. Nach ein paar Minuten ist die Feuerwehr da, bewegt sich routinemäßig durch das Haus, der Alarm schweigt. Offenbar, so stellt sich heraus, passiert das hier öfter. Hypersensible Rauchmelder oder heißer Dampf aus der Dusche oder… die Ursache lässt sich nicht genau ermitteln. Aber selbst wenn das hier zur Hotelfolklore gehört –  es sind ja nicht nur Stammgäste im Haus. Warum rührt sich keiner bei Alarm?

Und ähnliches habe ich vor kurzem auch noch in Venedig erlebt. Alarm gegen 4 Uhr nachts in einem vollbesetzten Hotel auf der Giudecca. Den ganzen Tag war schon vom drohenden „Aqua Alta  „in der Stadt die Rede gewesen, die Geschäfte und Hauseingänge hatten die Schutzklappen aktiviert. Stand der Alarm damit in Verbindung? Oder war es Feuer? Oder wurde ein Boot geklaut? Ein einziger Gast reagierte auf den Alarm, der gut einige Minuten dauerte. Dieser Gast fand sich vollbekleidet, versehen mit Pass und Portemonnaie und Zigaretten an der leeren Rezeption ein. Als nichts passierte und der Alarm irgendwann aufhörte, rauchte er eine Zigarette vor dem Hoteleingang und ging wieder ins Bett.

Also, wozu Alarm, wenn ihn ohnehin kaum einer ernst nimmt? Bei einer streng hierarchisch organisierten Institution wie der Kirche, könnte man ja noch sagen: Ja, das passt, solange sich der Ranghöchste gelassen gibt, folgen ihm alle anderen. Dort läge dann also die Verantwortung.

Aber in einem Hotel, einem offenen, unstrukturierten Raum? Erwarten wir da als Gäste eine persönliche Aufforderung, uns in Sicherheit zu bringen? Geben wir so einfach die Verantwortung für uns selbst ab? Oder haben wir Sorge, uns im Falle eines Fehlalarms zu blamieren und uncool zu sein, wenn wir reagieren?

Und was heißt das für eine Gesellschaft, in der dauernd irgendwo irgendjemand für ein Thema Alarm schlägt?

Möglicherweise ist genau das der wichtigste Grund für die Lässigkeit gegenüber Alarmen: Es sind zu viele. Schließlich kann man sich nicht um alles kümmern. Nicht einmal um die eigene Sicherheit.

Und sonst noch?

Beim nächsten Feuer-Alarm werde ich schnell reagieren. Das nehme ich mir vor und werde ich tun. Beim Euro kann ich leider nichts tun.

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